Gesandter von Blücher an Staatssekretär von Weizsäcker

Persönlich und vertraulich! Kilo, den 18. Dezember 1939.

Sehr verehrter Baron Weizsäcker!

In meinem Schreiben vom 7. d. M. erlaubte ich mir darauf hinzuweisen, daß der russische Angriff auf Finnland uns auf kriegswirtschaftlichem Gebiet schweren Schaden zufügen wird. Leider ist inzwischen alles eigetroffen. Die Russen haben die Blockade der Westküste verfügt, ein deutsches Schiff von ihnen versenkt, und seitdem jeder Seeverkehr zwischen Deutschland und Finnland abgeschnitten. Um ein Beispiel herauszugreifen, 600 Tonnen Kupfer und 1 Million Eier, die für Deutschland bestimmt sind, können nicht abtransportiert werden.
Ich muß meine mir gar nicht liegende Cassandra-Rolle weiter spielen.
Sie wissen, daß den Russen trotz dreiwöchentlichen Krieges entscheidende Erfolge versagt waren und daß in Ausrüstung und Kampfweise der Roten Armee sich bemerkenswerte Mängel zeigen. Die Wahrscheinlichkeit spricht für einen langen Krieg mit mannigfachen Komplikationsmöglichkeiten. Aber wenn wir annehmen, daß in absehbarer Zeit die Russen das finnische Territorium - abgebrannt und entblößt von Menschen - okkupieren, wie sieht dann die Situation aus?
Die Schlüsselstellung an der Ostsee besitzt nicht Schweden, sondern Finnland einschließlich Åland. Wir würden die Russen in Libau, Windau, Ösel, Dagö und ebenso in Åland und Torneå haben. Das ist gewiß in Zarenzeiten schon so gewesen, gibt aber heute bei der Wirkung der modernen Waffen Rußland eine ganz andere Stellung. Eine Großmacht im Besitz dieser Positionen beherrscht die mittlere und nördliche Ostsee, beherrscht aber auch Schweden, dessen Hauptstadt und dessen Erzgruben moderner Waffenwirkung von Åland und Torneå aus unterliegen. Der ganze Norden kommt somit unter den Einfluß Rußlands.
Dagegen gibt es keine Gegenwirkung, insbesondere nicht vom schwedischen Territorium aus.
Ich weiß, daß ich hiermit nichts Neues sage, aber dieser Brief soll zum Ausdruck bringen, daß diese Gedankengänge gerade unter dem Eindruck der ersten Kriegswochen, die ich hier mitmache, sich erneut und in bestimmter Form einstellen. Deshalb sende ich auch gleichzeitig einen Bericht, der dasselbe Thema behandelt.
In diesem Privatbrief will ich aber über den Bericht hinausgehen und etwas hinzusetzen, das ich in den Bericht nicht aufnehmen kann, seitdem ich von Ihnen die striktesten Weisungen erhalte, daß für Vermittlung kein Raum wäre.
Die fast 3 Wochen, die der Krieg dauert, müssen bei den einsichtigen Russen die Erkenntnis haben reifen lassen, daß die Opfer, die sie gebracht haben, in keinem Verhältnis zu den Erfolgen stehen, und daß es mehr als zweifelhaft ist, ob sie und wann sie sich in den Besitz von Finnland setzen können, und daß selbst dieser Besitz, wenn man von dem machtpolitischen Zuwachs absieht, nur neue und große Schwierigkeiten eintragen wird.
Auf der anderen Seite haben die Finnen gesehen, daß es den Russen ernst ist, und sie geben sich Rechenschaft über die Gefahren der Situation. Es scheint mir keinem Zweifel zu unterliegen, daß die Finnische Regierung jetzt bereit sein würde, in dem Hauptdifferenzpunkt Hangö nachzugeben.
Wenn überhaupt die Rolle des ehrlichen Maklers für eine politische Situation paßt, so wäre sie hier am Platze, und kein Staat ist in der Lage, sie zu spielen, ausgenommen Deutschland.
Das russische Abenteuer in Finnland, wenn es fortgesetzt wird, kann für Deutschland nur schlecht ausgehen. Deshalb haben wir zu unserem Teil das allergrößte Interesse daran, hier mit weicher Hand die beiden Gegner auf den Weg des Ausgleichs zu führen.
Ich wäre am Ende und erwarte, daß Sie das Anathema über den Ketzer aussprechen,
Wenn ich eine Bitte anschließen darf, so ginge sie dahin, Herrn von Gründherr von dem Inhalt des Briefes Kenntnis zu geben.
Mit Heil Hitler, Handkuß für die Baronin und besten Wünschen zum Neuen Jahr bin ich stets
Ihr ergebenster

Blücher


Quelle: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945, Serie D. Band VIII, 471, P. Keppler Verlag KG, 1961.

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