Der Brief des Reichsaußenministers von Ribbentrop an Stalin
vom 13. Oktober 1940

Berlin, den 13. Oktober 1940.


Sehr verehrter Herr Stalin!

Vor über einem Jahr wurde durch Ihren und des Führers Willen das Verhältnis Deutschlands zu Sowjetrußland überprüft und auf eine völlig neue Basis gestellt. Ich glaube, daß sich der Entschluß zur Verständigung zwischen unseren beiden Ländern, der entstanden war aus der Erkenntnis, daß die Lebensräume unserer Völker sich wohl berühren, aber nicht zu überschneiden brauchen, und der dann zu einer Abgrenzung der gegenseitigen Interessensphären und zu den deutsch-sowjetrussischen Nichtangriffs- und Freundschaftsverträgen führte, für beide Teile als nutzbringend erwiesen hat. Daß sich die konsequente Weiterverfolgung dieser Politik der guten Nachbarschaft und eine weitere Vertiefung der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit auch in der Zukunft immer segensreicher für die beiden großen Völker auswirken wird, ist meine Überzeugung. Deutschland jedenfalls ist hierzu bereit und entschlossen.
Bei dieser Zielsetzung kommt — so scheint es mir — einer unmittelbaren Fühlungnahme zwischen den verantwortlichen Persönlichkeiten beider Länder besondere Bedeutung zu. Ich glaube sogar, daß ein solcher persönlicher Kontakt über den Rahmen der sonst üblichen diplomatischen Wege hinaus bei autoritären Regimen wie den unsrigen von Zeit zu Zeit unerläßlich ist. Ich möchte daher heute eine kurze Rückschau halten über die Ereignisse seit meinem letzten Besuch in Moskau und wegen der geschichtlichen Bedeutung dieser Ereignisse und in Anknüpfung an unseren Gedankenaustausch im vergangenen Jahre Ihnen einen Überblick geben über die Politik, die Deutschland in diesem Zeitraum verfolgt hat.
Bereits nach Abschluß des Polenfeldzuges wurde uns bewußt und durch Nachrichten, die sich während des Winters häuften, bestätigt, daß England - getreu seiner von jeher verfolgten Politik - seine ganze Kriegsstrategie auf der Hoffnung einer Ausweitung des Krieges aufgebaut hatte. Die Versuche im Laufe des Jahres 1939, die Sowjetunion für eine Militärkoalition gegen Deutschland zu gewinnen, deuteten bereits vorher in diese Richtung. Sie wurden durch das deutsch-sowjetrussische Abkommen vereitelt. Die Haltung Englands und Frankreichs in dem sowjetrussisch-finnischen Konflikt lag später auf der gleichen Linie.
Im Frühjahr 1940 traten diese geheimen Absichten offen zu Tage. Es begann damit die aktive Phase dieser englischen Politik der Ausdehnung dieses Krieges auf andere Völker Europas. Als erstes Objekt nach Beendigung des sowjetrussisch-finnischen Krieges war Norwegen ausersehen. Durch die Besetzung von Narwick und anderer norwegischer Stützpunkte sollte Deutschland die Erzzufuhr abgeschnitten und darüber hinaus eine neue Entlastungsfront in Skandinavien errichtet werden. Nur dem rechtzeitigen Eingreifen der deutschen Führung und den schnellen Schlägen unserer Truppen, die die Engländer und Franzosen aus Norwegen hinausjagten, ist es zuzuschreiben, daß nicht ganz Skandinavien zum Kriegsschauplatz wurde.
Wenige Wochen später sollte sich dieses englisch-französische Spiel in Holland und Belgien wiederholen. Und auch hier konnte Deutschland dem beabsichtigten Vorstoß der englisch-französischen Armeen gegen das Ruhrgebiet, von dem wir seit einiger Zeit Kenntnis erhalten hatten, in letzter Stunde durch die entscheidenden Siege unserer Armeen begegnen. Selbst in Frankreich, dem "Festlandsdegen Englands", ist es heute den meisten Franzosen klar geworden, daß ihr Land letzten Endes nur als Opfer dieser traditionellen englischen menschenfreundlichen Politik verbluten mußte. Was nun die derzeitigen englischen Machthaber, die Deutschland den Krieg erklärt und damit das britische Volk ins Unglück gestürzt haben, anbelangt, so waren diese schließlich selbst nicht mehr in der Lage, ihre traditionelle britische Politik und die daraus resultierende Nichtachtung der eigenen Bundesgenossen zu verbergen. Im Gegenteil, als sich das Schicksal gegen sie wandte, fielen alle heuchlerischen Beteuerungen weg. Mit echt englischem Zynismus haben sie ihre Freunde treulos im Stich gelassen. Ja: um sich selbst zu retten, beschimpften sie die ehemaligen Bundesgenossen und nahmen später sogar gegen sie mit Gewalt offen Stellung. Andalsnes, Dünkirchen, Oran, Dakar sind Namen, die — wie mir scheint — die Welt über den Wert der Freundschaft Englands genügend aufklären könnten. Aber auch wir Deutsche sind bei dieser Gelegenheit um eine Erfahrung reicher geworden, nämlich: daß die Engländer nicht nur gewissenlose Politiker, sondern auch schlechte Soldaten sind. Unsere Truppen haben sie überall da, wo sie sich stellten, zu Paaren getrieben. Der deutsche Soldat war ihnen an jedem Platz überlegen.
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Um in dieser Endphase des Krieges allen Schachzügen Englands, die es vielleicht aus seiner verzweifelten Lage heraus noch unternehmen könnte, vorzubeugen, war für die Achse seit dem Siege über Frankreich die Sicherung ihrer militärisch-strategischen Position in Europa sowohl als auch ihrer politisch-diplomatischen Position in der Welt ein selbstverständliches Gebot der Vorsicht. Hinzu kam noch die Sicherstellung der Erfordernisse für die Aufrechterhaltung unseres wirtschaftlichen Lebens. Deutschland und Italien haben sofort nach Beendigung des Feldzuges im Westen diese Aufgabe in Angriff genommen und nunmehr in ihren großen Linien durchgeführt. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen die für Deutschland völlig neuartige Aufgabe der Sicherung seiner norwegischen Küstenpositionen, und zwar vom Skagerrak bis nach Kirkenes. Deutschland hat daher gewisse rein technische Abmachungen mit Schweden und Finnland getroffen, die ich Ihnen ja bereits durch die Deutsche Botschaft in vollem Umfange habe zur Kenntnis bringen lassen. Sie dienen ausschließlich dazu, den Nachschub nach den auf dem Landwege für uns schwer zu erreichenden Küstenstädten im Norden (Narwick und Kirkenes) dadurch zu erleichtern, daß er durch das Gebiet dieser Länder befördert wird.
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Z u s a m m e n f a s s e n d   m ö c h t e   i c h   s a g e n,   d a ß   e s   a u c h  n a c h   d e r   A u f f a s s u n g   d e s   F ü h r e r s   d i e h i s t o r i s c h e   A u f g a b e   d e r   v i e r   M ä c h t e   d e r   S o w j e t u n i o n,   I t a l i e n s,   J a p a n s   u n d   D e u t s c h l a n d s   z u   s e i n   s c h e i n t,   i h r e   P o l i t i k   a u f   l ä n g s t e   S i c h t   z u   o r d n e n   u n d   d u r c h   A b g r e n z u n g   i h r e r   I n t e r e s s e n   n a c h   s ä k u l a r e n   M a ß s t ä b e n   d i e   z u k ü n f t i g e   E n t w i c k l u n g   i h r e r   V ö l k e r   i n   d i e   r i c h t i g e n   B a h n e n   z u   l e n k e n.
Um solche für die Zukunft unserer Völker so entscheidende Fragen weiter zu klären und in konkreterer Form zu besprechen, würden wir es begrüßen, wenn Herr Molotow uns in nächster Zeit in Berlin besuchen wollte. Ich darf ihn im Namen der Reichsregierung dazu herzlichst einladen. Nach meinem zweimaligen Besuch in Moskau würde es mir auch persönlich eine besondere Freude sein, Herrn Molotow nun einmal in Berlin zu sehen. Sein Besuch gäbe dann dem Führer die Gelegenheit, seine Gedankengänge Herrn Molotow persönlich über die zukünftige Gestaltung der Beziehungen unserer beiden Länder zu entwickeln. Herr Molotow kann bei seiner Rückkehr Ihnen in umfassender Weise über die Ziele und Absichten des Führers Bericht erstatten. Wenn sich hierbei, wie ich es glaube erwarten zu dürfen, die Möglichkeit zu einem weiteren Ausbau einer gemeinsamen Politik im Sinne meiner obigen Ausführungen ergibt, wird es mir eine Freude sein, dann selbst wieder nach Moskau zu kommen, um mit Ihnen, sehr verehrter Herr Stalin, den Gedankenaustausch fortzusetzen und uns — möglicherweise gemeinsam mit Vertretern Japans und Italiens — über die Grundlagen einer Politik zu unterhalten, die für uns alle nur von  p r a k t i s c h e m  Nutzen sein könnte.
Mit besten Empfehlungen
         Ihr ergebener

Ribbentrop


Quelle: Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1939-1941. Dokumente des Auswärtigen Amtes. 171. H. Laupp'sche Buchhandlung, Tübingen, 1949.

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